Blickwinkel

Blickwinkel

Lindau am Bodensee

VON KAVIAR UND KETTENFETT
ODER
VON EINEM, DER AUSZOG, DAS FREUEN ZU LERNEN

Adrian SChröder

Mein Name ist Adrian, ich lebe in Lindau am Bodensee und weil ich Abwechslung mag, habe ich drei Jobs. Ich fotografiere Menschen, restauriere Rennräder und im Sommer arbeite ich als Mountainbikeguide für Alpenüberquerungen. Neben einer Portion Fachwissen versuche ich ein hohes Maß an Empathie und Menschenkenntnis in meine Jobs einfließen zu lassen, wofür ich viel Lob ernte. Mein größter Tadeler bin ich selbst und so ergab es sich nach der letzten Saison als Guide, dass ich verlernte, wie man sich freut.

Während meiner Arbeit als Guide verbringe ich eine Woche mit bis zu fünfzehn Menschen. Vom Hausmeister bis zur Chefärztin und vom Teenie bis zum Rentner habe ich die Chance, viele verschiedene Menschen in angenehmen wie anstrengenden Situationen kennenzulernen. Für viele Gäste liegt der Reiz einer Alpenüberquerung in der Einfachheit der Tagesaufgabe: Fahrt den Berg hoch und fahrt ihn wieder runter. Es hilft den Menschen zur Ruhe zu kommen, wenn sie sich entgegen ihrem Alltag nur noch auf eine Sache konzentrieren müssen. Die Königsetappe auf unserem Alpencross ist der lange Mittwoch durch die Lenzerheide. Hier warten 1500 Höhenmeter am Stück gespickt mit rutschigen Wurzeln und pulstreibenden Rampen darauf, die Gäste an ihre Grenzen zu bringen. Das gemeinsame Durchleiden solcher Momente schweißt uns spätestens nach diesem Tag zusammen. Nach der Zeit im Sattel wird in mondänen Hotels eingekehrt. Geist und Körper werden mit Sauna, Schnaps und Sterneküche wieder auf Vordermann gebracht und die Gäste sparen beim Abendessen nicht mit Lob. Jeder feiert den Guide gebührend ab, ist interessiert an meinem Leben und ich hatte das Gefühl, der Guru einer liebreizenden radfahrenden Sekte zu sein. Ich fühlte mich unbesiegbar und habe mich schnell an das Leben zwischen Kaviar und Kettenfett gewöhnt.

Im Spätsommer letzten Jahres neigte sich die Saison für meine Alpenüberquerungen mal wieder ihrem Ende entgegen. Nach einem herzerweichendem Abschied von meinen vorerst letzten Gästen war es nun wieder Zeit, in die alte Welt zurückzukehren. Mit Verwunderung stellte ich daheim fest, dass weder Frühstücksbuffet noch Zimmerservice Teil dieser Welt waren. Am Abend vergaß ich sogar aus Gewohnheit die Zeche in einer Bar zu zahlen. Kleinlaut und kleingeldlos musste ich mir eingestehen, dass meine Selbstständigkeit wieder auf dem Level eines siebenjährigen Jungen war. Meine Freunde fassten den Entschluss, dem verwöhnten Buben die Leviten zu lesen. Es sollte Schluss sein mit Kingsize-Betten und Fünf-Gänge-Menüs. Es war Zeit für die Matratze im Transporter, für die Würdigung einer einfachen Brotzeit und für die Huldigung der Anfänge des Bergradsports.

Mitte der 70er-Jahre begab es sich im Staate Kalifornien, dass langhaarige Wahnsinnige mit Jeansshorts und Eisdielenbikes durch den Staub die Berge hinab rasten. Das Mountainbike war geboren. Heute ist die sympathische Planlosigkeit der Professionalität einer Mondmission gewichen und das Mountainbike boomt. Es gibt Fahrradrahmen mit dem Gewicht einer Fertigpizza und dem Preis eines Fertighauses. Psychedelische Farbkombinationen für Mann und Maschine sind ebenso am Puls der Zeit wie Fünf-Sterne-Bikehotels und religionsartige Diskussionen über das richtige Equipment. Wir wollten diesem Trend trotzen und den Anfängen des Mountainbikens eine Hommage darbieten. Die Jeansshorts unserer Vorbilder wollten wir durch Helm und Protektoren ergänzen, doch im Mittelpunkt sollte nur unser Bus, das Bike und der Berg stehen.

Das Ziel unserer Mission war schnell gefunden: Italiens Mittelmeerküste, unweit der französischen Grenze, das gelobte Land von Finale Ligure. Das Gebiet gilt unter Mountainbikern seit einigen Jahren als das Mekka des Bergradsports. Es gibt ein endloses Netz aus Wegen, eine wunderschöne Altstadt und obendrein noch einen Strand. Es ist sehr heiß und der Untergrund wechselt zwischen Mars und Kongo. Genau der richtige Ort, um mich zu formen.

Vor uns lagen sechs Tage Radfahren. Jeden Tag vom Meeresspiegel 1000 bis 1500 Meter hoch und auf schnellen technischen Trails wieder runter. Da ich als selbsternannter Guru lange Tagestouren gewohnt bin, ging ich die Sache entspannt an. Doch schon bei den ersten Kurbelumdrehungen wurde mir klar, dass es alles andere als entspannt werden sollte. Während ich auf dem Alpencross mit meinen Gästen viele kleine Pausen mache und stets das Tempo vorgebe, fuhr ich nun auf einmal hinterher. Der lose Untergrund, kopfgroße Steine und das rennmäßige Tempo meiner Freunde ließen meine Vorräte und Kraftreserven im Zeitraffer dahinschmelzen. Unsere kartografische Ausstattung war ebenfalls sehr mager und wir sammelten zusätzliche Kilometer durch regelmäßiges Verfahren. Am dritten Tag bestritten wir über 55 km und 1500 Höhenmeter mit drei Müsliriegeln, einer Tüte Nüsse und Wasser aus dem Brunnen. Aus den im Tal vorherrschenden dreißig Grad wurden beim Aufstieg feuchtkalte acht. Eine Wand aus Nebel reduzierte Sicht und Körpertemperatur, so dass ich auf dem Gipfel einsehen musste, dass auch ein Guru an Unterzucker leiden kann.

Nach drei Tagen bescherte uns der Wettergott eine Zwangspause, welche ich dankend annahm. Heftiger Wind und starke Regenschauer trieben uns zu einer gründlichen Erkundung der Bars von Finale Ligure. Am Abend lernten wie zwei Herren kennen, die sich zu einem Trinkurlaub nach Ligurien zurückgezogen hatten. Es war spät am Nachmittag und sie waren eben aufgestanden um einen kleinen Wachmacher zu sich zu nehmen. Der eine Herr war ein in England lebender Italiener und der andere ein italophiler Engländer. Er hatte das Gesicht von Mel Gibson, eingerahmt von der Mähne eines gealterten Löwen. Seine Stimme klang, als würde er jeden Morgen mit Rasierklingen gurgeln und die Geschichten, welche aus seinem schrägen Mund nur so sprudelten, zogen uns sofort in ihren Bann. Wir begannen uns gegenseitig Drinks auszugeben und schon bald hatte jemand die großartige Idee, eine geführte Freeride-Tour zu fahren. Bei einer solchen Freeride-Tour besteht der Tag daraus, sich mit dem Transporter die Berge hochbringen zu lassen um dann mit einem lokalen Guide möglichst oft und schnell die wildesten Wege wieder runterzufahren. Wir buchten umgehend eine Tour für den nächsten Morgen, tranken uns noch ein wenig Mut an und gingen spät zu Bett.

Am nächsten morgen verschliefen wir. Nach einem hastig eingeworfenen Frühstück sammelten wir ungelenk unsere zum Trocknen verteilten Kleidungsstücke und Protektoren auf und stolperten mit Verspätung dem bestellten Biketransport entgegen. Wir stammelten ein paar verlegene Entschuldigungen auf Englisch und versuchten die Spuren der letzten Nacht durch Sonnenbrillen und Minzbonbons zu vertuschen. Am ersten Startpunkt angekommen, spürte ich übermenschliche Kräfte in mir aufsteigen, was ich als gutes Zeichen deutete. Ob dieser Energieschub den gestrigen Getränken oder dem morgendlichen Müsli zuzuschreiben war, war mir zu dem Zeitpunkt gleichgültig. Fest stand für mich nur: Heute bin ich schnell. Und so sollte es sein. Ich war sogar so schnell, dass ich mich umgehend in einer engen Linkskurve überschlug, wenig später nach einem großen Sprung in einem Baum landete und mich heillos verfuhr. Nach den ersten vier Abfahrten war Mittagspause und meine Kräfte gänzlich am Ende. Ich konnte kaum noch den Lenker festhalten und die gesamte Truppe fuhr mir davon. Ich war erschüttert von meiner schlechten Leistung und sannte darauf, es morgen allen zu zeigen.

Zum Ausklang des für mich bitteren Tages suchten wir den Schweineplatz auf, eine von uns auserkorene Parkfläche vor einer verwilderten Grünanlage. Wir nannten den Platz deshalb so, da dort an jedem Abend Wildschweine auf Nahrungssuche und im Morgengrauen senile Jäger auf Wildschweinsuche gingen. Die Greise brüllten dabei nicht nur einander, sondern auch ihre schlecht erzogenen Hunde an, so dass auf dem Schweineplatz für einen zuverlässigen Weckservice gesorgt war. Es gab einen Brunnen mit fließendem Wasser, eine Laterne zum Anschließen der Bikes und einen sagenhaften Ausblick auf das Meer. 

An diesem Abend war ich derart frustriert über meine schlechte Darbietung, dass ich nur wenig sprach und mich hinter meiner Gitarre verbarrikadierte. Zwischendurch versuchte ich meinem Rad die Schuld in die Schuhe zu schieben und werkelte an irgendwelchen Parametern des Fahrwerks herum, um mein Mojo auf zauberhafte Weise wiederherzustellen. Kurz vor Feierabend war es jedoch eine Frage meiner Freunde, die die geistige Erleuchtung bringen sollte: 

«Hast du überhaupt Spaß?» Ich konnte die Frage nicht wirklich beantworten. Ich war so fixiert darauf gewesen, meiner Vorstellung vom neuen Bikeguru nachzukommen, dass ich das Wesentliche vergessen hatte. Ständig war ich über meinem Limit gefahren, um das Tempo der Gruppe zu halten oder sogar überbieten zu können. Immer musste ich eine andere Linie als die anderen nehmen, nur um es anders gemacht zu haben. Den Spaß hatte ich dabei gänzlich vergessen. Diese Erkenntnis ließ mich in der letzten Nacht so fest schlafen, dass ich die Jägermeute am nächsten Morgen fast nicht gehört hätte. Der Morgenkaffee war bereits gekocht und der Startschuss für einen perfekten Tag auf dem Rad war nun gefallen.

Als Mission für den letzten Tag auf dem Rad galt es einen Trail wiederzufinden, der einen wahren Rausch an körpereigenen Drogen entfacht. Als er uns vor einem Jahr von einem lokalen Biker gezeigt wurde, bedankten wir uns auf Knien für dieses Erlebnis. Wir hatten danach versucht, uns jede der endlosen Abzweigungen zu merken, da keiner von uns ein GPS besaß. Weil der Trail auf keiner Karte verzeichnet war und seine Wegführung seit unserem letzten Besuch immer wieder verändert wurde, hatten wir dieses Mal fast die gesamten Zeit auf dem Rad mit seiner Rekonstruktion verbracht. Und heute fuhren wir ihn zum ersten mal am Stück. Mit genug Vorräten, bestem Bikewetter, live und in Farbe.

Er beginnt mit einem gut dreistündigen Aufstieg, welcher in freudiger Erwartung auf die anstehenden Abfahrten schnell abgehandelt ist. Mit achterbahnartigen Kurven, welche immer wieder durch kleine Sprünge und Anlieger versüßt werden, eröffnet der Wald sein Wunderland des Radfahrens. Zwischen den einzelnen Teilstücken lässt er einen langsam kurbelnd durchatmen und man hat kurz die Möglichkeit, die Schönheit Liguriens in seinen Erinnerungen zu verewigen. Es folgen lange Highspeedpassagen, auf denen das Bike fast wie von allein die Gegenanstiege hochschießt. Oft reicht ein leichtes Ziehen an Lenker und Pedalen, um im Tiefflug tückische Wurzelteppiche zu überwinden. Nach einer entspannenden Tretpassage folgt ein Gewitter aus Steinfeldern, wo maximale Konzentration und Kraft gefordert sind, um dann mit einem großen Knall in einem Irrsinn aus Kehren und Sprüngen zu Enden. Auf über 1300 Tiefenmetern und vierzehn Kilometern stetig bergab entfaltet sich die Dramaturgie einer klassischen Komposition mit der Gewalt eines Metalkonzerts. Am Ende des Trails wird man auf einer staubigen Verkehrsstraße nahe der Stadt wieder vom Wald ausgespuckt.

Wir fanden uns verdreckt, durchgeschwitzt und mit zitternden Händen auf dieser Straße wieder. Es gab keine Pannen und keine Stürze. Keiner von uns wusste, ob er die letzten Stunden schnell oder langsam war, denn es fühlte sich immer schnell an. Ebenso interessierte es niemanden, wann er hinten oder vorn gefahren war, da er hier und jetzt immer genau am richtigen Ort war. Wir waren aufgepeitscht und ausgeglichen zugleich, als hätte man in einem startenden Düsenjet meditiert. Eine tiefe Zufriedenheit machte sich in uns breit und wir konnten uns ansehen, dass wir uns gegenseitig im Geiste für diesen Teufelsritt gratulierten. Wir fielen uns wie drei verlorene Söhne in die Arme und ich wusste endlich eine Antwort auf die Frage vom Abend zuvor: «Ja, ich habe Spaß.»

 

Adrian Schröder
Bleicheweg 5
88131 Lindau
mail@adrian-schroeder.de
www.adrian-schroeder.de
www.go-alps.de