Cityguide

Cityguide

amsterdam

VON ROTEN AUGEN UND
UNTERWASSER­WELTRAUMWELTEN

Carolin Rupp

Joints, Käse und Sex. Nach diesen drei Wörtern weiß jeder, von welcher Stadt ich spreche. Na, hat’s klick gemacht? Genau, ich spreche von Amsterdam.

Mein Freund Jake Mason und ich sind gerade erst angekommen und es verschlägt uns direkt ins angesagte Dolphin’s. Vorbei an den unzähligen Grachten, alten, rot angestrichenen Holzmühlen und  schief stehenden Häusern erreichen wir unser Ziel und tauchen ein in die verrauchten Tiefen der Amsterdamer Coffeeshops, die in den siebziger Jahren noch unter Teahouses bekannt waren.

Pink-grüne Korallenriffe türmen sich bis an die Decke des Eingangsbereiches, während große schwebende Schatzkisten die Entdeckungslust wecken. Vor Delphinbildern und Meeresszenarien sitzen die ersten Dudes und ziehen ambizioniert und mit der Technik jahrelanger Übung an ihren bunten Bongs. Wir wollen zwar keine Bong, aber nur zu gerne einen rauchen. Also schütteln wir die letzte Kälte ab und begeben uns zur Theke, um ein paar grüne Leckereien zu kaufen. Die Auswahl reicht vom Marrakesch Espress über Afghanen zu royalen Delphinen. Wir beladen uns mit einem 10er Dolphin Haze, dazu spacige Muffins und fruchtige Säfte - man muss ja auf seine Gesundheit achten.

Wir balancieren die steile Wendeltreppe nach unten, durchstoßen die Rauchwand und gelangen in eine Welt irgendwo zwischen Atlantis und der dritten Galaxie. Die Wände sind bemalt mit türkisgoldenen Planeten, wieder schwimmen die Delphine mit merkwürdigen Zwitterwesen durch diese bizarre Unterwasserweltraumwelt. Wir setzen uns in einer der gemütlichen blau-beigen Separees mit den marrokanischen Holztischen. Alles wirkt kitschig, aber genau das gefällt uns. Die Zeit scheint sich zu verlangsamen und jeder Mensch in diesem Raum hat seinen eigenen Rhythmus. Ich beobachte einen Typen, der seinen Tee ganze 15 Minuten ziehen lässt, den ersten Schluck nimmt, bemerkt, dass ich ihn beobachte und dann sagt „you gotta take your time, man“.
In absoluter Ruhe rauchen Jake und ich die Wundertüte zu Ende. Und dann noch eine. Und dann noch den Muffin. In Amsterdam macht man keine halben Sachen. So sagt man.

Gut gelaunt stehen wir wieder in der frischen Luft. Inzwischen ist die Sonne untergegangen und es wird Zeit, das nächste Stonerparadies zu entdecken. Der Weg durch die Stadt macht uns wieder wach und wir erkunden die nächtlichen Straßen mit ihren dunklen Ecken und Nischen auf der einen und bunten Lichtern auf der anderen Seite. Zwischen steilen Treppen und schiefen Wänden, die diese Stadt so ausmachen.

Wenige Minuten später stehen wir vor dem De Dampkring. Das De Dampkring macht schon von außen mit seiner von Holz erfassten Fassade einen imposanten Eindruck. Die bemalten Fenster über der Tür leuchten mit ihren warmen, bunten Farben in die frische Nacht.

De Dampkring ist nicht nur für das gute Weed oder die Ocean’s Twelve Szene mit Brad Pitt, George Clooney und Matt Damon berühmt - die Cat of Cannabis, auch Bowie genannt, hat bereits eine eigene Fanbase aufgebaut und begrüßt stets ihre Gäste mit einem Miau. Wir miauen zurück und suchen uns einen gemütlichen Platz in einer Ecke des Ladens. Während Jake etwas Kosher Dawg an der Kasse besorgt, unterhalte ich mich mit zwei Franzosen, die noch am selben Tag aus der Bretagne angereist sind und immer wieder zum De Dampkring zurückkehren.

Gemeinsam sitzen wir an den Echtholztischen und lassen uns vom Ambiente des Dampkring einnehmen. Farblich reichen die Wände von gelb, über orange bis hin zu lila, alle in einem Gesamtbild verlaufend. Die Lampen werfen ein warmes Licht von der Decke und scheinen mit ihrem verchromten Gestänge und den von innen erleuchteten, weißen Kugeln aus den 80er zu stammen, ganz als hätten sie hier schon lange gehangen, als Anfang der Neunziger der erste Joint in ihrem Glanze entzündet wurde. Die Theke ist aus Holz und die verspielten Schnitzereien erinnern stark ans elbische Handwerk. Tolkien hätte seine Freude hier gehabt. Ich liebe Tolkien und seine Bücher und die Vorstellung, mit J.R. hier zu sitzen und mich mit ihm Pfeife schmauchend über Zwerge und Hobbits zu unterhalten - das wär jetzt wunderbar. 

Da läuft dieser Dude herum. Mit einem dicken Joint in seinem linken Mundwinkel greift er nach leeren Milchshakegläsern. Die Hosenträger halten seine braune, etwas zu weite Kordhose. Seine dunklen, felzigen Rastazöpfe sind lose zur Seite gesteckt und sein voller Bart, der sein faltiges Gesicht umrahmt, verrät, dass er einige Jahr schon auf dem Buckel hat. Er hat diese gewisse Aura, die ihn umgibt. Durchstreift er den Laden, klopfen die Gäste anerkennend auf seine Schulter. Mit einem stetigen Lächeln lässt er seine Mitmenschen sich willkommen fühlen. Er ist nicht einer dieser Menschen, die in der monotonen Gesellschaft ihr tristes Dasein fristen. Das merke ich sofort. ———> wer ist eigentlich Billy?** (Story folgt unten)

Amsterdam ist eine Stadt, in der man sich berauschen kann. Und genau das tun wir.
Gefangen von den pulsierenden Lichtern lassen wir uns treiben, fühlen uns verloren in den Gassen im Herzen der Stadt. Wir sind genau am richtigen Ort. Immer wieder den unermüdlichen Munchies stillend, versteht sich.
Jake läuft über eine der Brücken, schießt ein paar Fotos und grinst mich vom anderen Ufer aus an. Ich grinse zurück. Um die kahlen Äste der Bäume winden sich Lichterketten, deren Spiegelbilder im dunklen Wasser aussehen wie eine ewig lange Kolonie von Glühwürmchen. Im Hintergrund spielt eine Geige. Wir müssen weiter.

Das Katsu. Der kleine Coffeeshop im Szeneviertel De Pijp ist wohl einer meiner absoluten Lieblinge. Es läuft „and the living is easy“, der Businessmann im Anzug macht sich neben seinem Freund im aufgeknöpften Hemd einen riesigen Dübi an. An der anderen Ecke des Raumes sitzen Vater und Sohn still nebeneinander, haben die Augen geschlossen, nicken bloß ihre Köpfe zur Musik und teilen sich einen Joint. Amsterdam wird immer dieser Schmelztiegel der Gesellschaft sein. Wo Rolexuhr und Skateboard, Falten und Flaum aufeinandertreffen und wir alle einen schönen, dicken Joint rumreichen. Ich lehne mich zurück in Jakes Arme und lasse mich ganz auf diese vernebelte Welt ein. Ich bin glücklich. Fühle mich wohl neben all den Menschen, so leicht und unbeschwert. Unbeschwert trifft es gut, denn Amsterdam überlässt dir die Entscheidung, alleine deine Feierabendzigarette zu genießen oder dich zu deinen sympathischen Sitznachbarn zu gesellen.
Jake streichelt meine Wange und reißt mich aus meinen Träumen. „Los, jetzt geht’s ins Rookies“. Ich schmunzel über diese Ambition und freue mich schon.

 

Eine kleine Liste meiner Lieblingscoffeeshops:

Abraxas

Steile Wendeltreppen, Mosaikwände und geschliffene Holzbänke. Das Abraxas ist mit seinem Hauch von Mystik und Mittlerem Osten und den kleinen Details einer der schönsten Coffeeshops Amsterdams.

Rookies

ist alles, was man von einem einfachen Coffeeshop erwartet und braucht. Lange Holzbänke. Gute Musik. Jedes Mal holen Gäste das Mensch ärger dich nicht-Spiel heraus.

The Bulldog

Einst nur ein kleiner Keller, etablierte sich The Bulldogg zu einer Kette von kultigen Coffeeshops, die sich in der gesamten Stadt verteilen. Das Nr.90 besteht seit 1974 und ist einer der ersten Coffeeshops Amsterdams. Nicht aber der erste, was von vielen irrtümlicherweise behauptet wird. Diesen Platz belegt das Mellow Yellow, das 1972 nach dem gleichnamigem Lied von „Donovan“ benannt wurde.

The Store (früher The Doors)

befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof und ist die perfekte Location, um seinen ersten oder vorerst letzten Joint zu genießen. Neben saugeiler Musik sorgt das Morrisson Haze für eine gute Stimmung.

De Dampkring

Der kultige Coffeeshop ist klein, bunt und einfach schön. Zum Kosher Dawg einen Himbershake mit weißer Schokolade bestellen!

Katsu

Geht man an die Theke vorbei zu den Bänken am Ende des Raumes, springt ein bunter Außenbereich ins Auge 

Dolphins

Eine wahre Unterwasserweltraumwelt mit unverwechselbarem Ambiente und dazu noch die besten Space Muffins der Stadt. Sie werden jeden Tag frisch gebacken und sind jeden Cent wert.

** Als ich mich in meiner Heimatstadt Osnabrück an den Artikel machte, blieben meine Gedanken bei dem Rastadude hängen. Wer war er? Und warum hab ich gar kein Foto von ihm? Ein Glück, dass der nächste Amsterdamtrip nicht weit weg lag und so führte es Jake und mich im kalten Januar zurück ins warme De Dampkring. Und hoffentlich zurück zum Rastadude.

Bowie, die Katze, begrüßte uns wieder miauend. Unser Lieblingsplatz war sogar frei. Wir warteten zwei Stunden, tranken eine Coke und rauchten. Vom Rastadude fehlte jede Spur.

Enttäuschung breitete sich in mir aus. Ich fragte also die gut gelaunte Kellnerin, ob er vielleicht am nächsten Tag arbeiten würde, beziehungsweise wer er denn überhaupt war. Da legte sich ein Schatten auf Annas Lächeln und traurig erzählte sie mir von Billy. Vom Rastadude.

„Billy arbeitete hier nicht. Billy war eine Legende in der Coffeeshopszene.“

„War eine Legende?“, fragte ich vorsichtig. Sie nickte, den Blick ein wenig abseits.

,,Vor nicht einmal einem Monat ist er von uns gegangen. Er kam hier oft einfach rein und bestellte ‚justje met ijs‘ - Orangensaft mit Eis. Wir sammelten für ihn immer die nicht aufgerauchten Joints und über jeden Einzelnen freute er sich wie ein Kind über ein Eis.“

Zaghaft lächelnd erzählte Anna weiter: „Er war überall, keine Party verlief ohne ihn - und das muss man in Amsterdam erst einmal schaffen!“
Sie schien kurz zu überlegen und fuhr dann fort.

„Was er genau machte und wo er eigentlich her kam, weiß niemand. Er war einfach immer da.  Seine Geschichten erzählte er anders als andere. Er fing mit der Pointe an und arbeitete sich rückwärts durch seine Erzählungen“, erzählte mir Anna über den Mann, den ich nie kennenlernen sollte. Allein die Geschichten über ihn konnten mir helfen, mit einem Hauch Phantasie, dem Unbekannten einen Namen zu geben.

Dieser Mann, der stets für Freude und Verwirrung gleichermaßen sorgte, war bekannt als schlagendes Herz Amsterdams. Pionier. Original. König. Als der wilde Billy.

Oder mein Rastadude.