Headstory

Headstory

azoren

DIE IMMERFRÜHLINGSINSEL MIT DEM MANCHMAL-HERBST

Mitch Miller

Tagebucheintrag

Auf den Azoren gibt es keinen wirklichen Dschungel. Es gibt aber dutzende Orte, an denen es sich wie einer anfühlt. Weicht man nämlich nur wenige Meter von der Straße ab und betritt den Wald, dann sieht man asiatischen Schildfarn sprießen. Am Fuße eines Marokkanischen Gagelbaums blüht leuchtend eine Gruppe Japanischer Aukuben, gut zu erkennen an den künstlich-grün leuchtenden Blüten und den gelben Farbspritzern. Es gibt auf den Azoren vierhundertzwanzig verschiedene Arten von Moos, für das ich leider kein so großes Interesse aufbringen kann. Der Waldboden sieht das anders und hat sich beinahe gänzlich mit dieser zeitlosen Mode eingedeckt.

18.01.2016

„Entspannen Sie sich in den kalten Wintermonaten auf den Azoren.“ So stand es im Internet. Grund genug für Dani, einer meiner besten Freunde, und mich einen Flug zu buchen. Wir wollen zehn Tage Wandern gehen und für den ganzen Trip nicht mehr als dreihundert Euro ausgeben. Soweit der Plan. Es regnet wie aus Eimern. Eine frische Brise weht über das Rollfeld und lässt die Windfahnen lautstark knattern. Der Weg vom Flughafen Richtung Stadtzentrum führt vorbei an Stacheldraht und Paradiesvogelblumen. Unser Ziel ist, so schnell es geht aus der Stadt Ponta Delgada zu kommen und ein bisschen zu wandern. Neben einem Zelt, den Schlafsäcken und Vorräten für zehn Tage haben wir eine grobe Karte der Insel im Gepäck. Mithilfe von Kompass und Höhenmeter auf meinem GPS wollten wir den Caldera „Sete Cidades“ begehen. Den Begriff Besteigen hätte der Krater mit einer Höhe von knapp 800 Metern nicht verdient. Wir auch nicht.

Das Wetter klart nach ein paar Stunden auf, die Grashalme strecken ihre nassen Häupter in Richtung der Sonne, als würden sie in deren Strahlen baden. Wir folgen einem kleinen Netz aus Straßen, das stur hinauf in die Hügel führt. Wir gehen auf Pflastersteinen vorbei an alten Häusern mit dunklen Wasserflecken in der Struktur, den teilweise marode wirkenden Dächern und den ordentlich gepflegten Gärten. Vorbei an knallbunten Türen, vorbei an Balkonen, von deren Geländer schartig die Farbe abblättert. Bei Licht und ohne den Nebelfilter kommen die grellen und oft bunt gemischten Farben der Gebäude gut zur Geltung und ein bisschen kann ich nachvollziehen, warum man in einem rosa angemalten Haus lebt.

Am Flughafen in Lissabon gab uns ein portugiesischer Professor folgende Weisheit mit auf den Weg: „Wenn du in Portugal jemand lächeln siehst, dann ist er Brasilianer!“ Er selbst lachte ziemlich laut über seine Aussage und ich fand, dass er sie in genau diesem Moment selber revidierte. Er erklärte weiter, dass Portugiesen immer gleich schauen. Freude. Wut. Trauer. „Immer ein schmaler Grat in einem sonnengebräunten Gesicht.“ So seine Worte. Und nun, auf dem Weg hinauf in die Hügel, fallen sie mir wieder ein und ich bemerke: Er hat Recht. All die Menschen, die uns von den Stapeldächern, von den Kirchentoren oder den Kuhweiden aus anschauen, alle stieren sie gleich. Wenig Emotion, bloß ein gedankenverlorener Gesichtsausdruck, der wirkt, als hätte er sich in ihren Gesichtern verlaufen. Parallel zur Straße weichen wir auf die ewig grünen Felder aus. Gänzlich scheint das Eiland von fruchtbaren Böden bedeckt und würde man es nicht besser wissen, man könnte auch auf einer irischen oder walisischen Wiese stehen. Es gibt hier zwar keine von Collies behüteten Schafherden, dafür aber ne Menge träge im Regen stehende Kühe. Nicht dass es in Wales keine Kühe gibt - auf den Azoren gibt es aber keine Schafe! (Wir werden keines dieser wilden Geschöpfe zu Gesicht bekommen.)

Vom Lagoa Azul, dem Kratersee im Sete Ciades, verlaufen auf der Karte verschiedene blaue Linien in alle Richtungen der Insel. Wir stoßen früh auf einen dieser vermeintlichen Wasserläufe. Was uns erwartet, sind allerdings keine fließenden Bäche, sondern erstarrte Lavatunnel. Teilweise verlaufen diese drei Meter breiten Risse bis zu fünf oder sechs Meter tief. Es ist nicht zu übersehen, wo sich der Lavastrom vor Jahren seinen Weg durch die Landschaft bahnte. Der Boden des Risses ist mit schwarz glänzendem Vulkanstein ausgefüllt und seine Ränder sind durchzogen von Wurzeln und Sträuchern. Es ist ein wenig dunkel, da die üppigen Bäume ihre Schatten auf den Kraterweg werfen. Wir nähern uns nun über diese Geheimgänge dem Bergfried, dem Sete Ciades. Natürlich könnten wir auch der Straße folgen. Das würde dann schneller gehen. Wäre aber auch nur halb so schön. Viele Dinge kündigen sich an. Vor einer Erkältung bekomme ich oft Zahnschmerzen und wenn jemand mir etwas Böses will, dann kribbelt meine Nase. Regen gehört nicht zu den Sich-ankündigen-Dingen. Gerade haben wir eine passende Stelle zum Campen gefunden, als zuerst kleine Tropfen auf die grüne Hülle unseres Zeltes fallen und dann immer größere folgen. Für das Nachtlager sind wir wieder aus dem Kratergang herausgeklettert, da ich nicht sicher bin, ob diese bei starkem Regen überflutet werden. Im Schlaf wäre das suboptimal. Und ziemlich nass.  Aus den Vulkansteinen basteln wir uns eine Feuerstelle. Wir mussten unsere Gaskartusche am Flughafen lassen und sind somit für die nächsten zehn Tage beim Kochen auf ein echtes Feuer angewiesen. Während die Sonne sich irgendwo an den Küsten Richtung Meer abseilt, sitzen wir da, essen unsere Instantnudeln und rauchen jeder eine Zigarette. In immer kleineren Abständen zischt das Feuer, die Flammen werden kleiner und erlöschen. Wir gehen ins Zelt. Die Wolken platzen. Morgen scheint ganz sicher die Sonne.

Tagebucheintrag 19.01.2016

Jemand schlägt von außen gegen das Zelt. Es ist hell. Ich höre den Regen immer noch scharf prasseln, höre den laufenden Motor eines Traktors in unmittelbarer Nähe. Es schlägt wieder gegen das Zelt. Ich krabble zum Eingang. Die Sichtweite beträgt drei Meter. Zum Glück. Läge sie nur bei einem Meter weniger, hätte ich vielleicht den Bauern übersehen, der in graugrünen Gummistiefeln vor dem Zelt im Matsch steht, Wut in seinen kristallgrünen Augen, Wut auf seinen zerrissenen Lippen und Wut in seiner Hand in Form einer Mistgabel. Er erinnert mich ein bisschen an einen kleinen Poseidon. Sein Kinn ist fliehend und erinnert an das Ende eine Gurke. Er schreit auf Portugiesisch. Ich versuche mein Glück auf Englisch. ,,Sorry...the weather...the rain...sorry...“ Poseidon schreit lauter. Mein Spanisch beschränkt sich auf sechs Worte. Zwei davon schmeiße ich diesem Halbgott entgegen. ,,Mucho Agua!“ Die bebenden Lippen halten Inne, so etwas wie Freude glüht in seinen Augen auf. Er streichelt meinen Kopf. Lächelt. Und verschwindet schweigend im Nebel.

20. / 21.01.2016

Zwei Tage vergehen und ich lerne eine Menge über die Flora der Insel. Nicht, dass ich in die Verzückung komme, tatsächlich Blumen oder Bäume zu sehen - nein - viel mehr hält uns ein ordentlicher Sturm für beinahe achtundvierzig Stunden in unserem Zelt fest. Ich habe dadurch eine Menge Zeit um mich mit meinem Pflanzenbuch zu beschäftigen. Ich hoffe, es schwingt keine Ironie in meinen Worten, wenn ich sage, dass ich anfange, Bäume zu bewundern, je mehr ich über sie erfahre. Verrückt, was die so können mit ihren Wurzeln und dieser Fotosynthese, von der immer alle reden. Es gibt ein paar Dinge, die ich bei meinen Recherchen über die Insel gelernt habe. 1427 von den Portugiesen entdeckt und wahrscheinlich auch bevölkert. Denn einheimisch waren auf dieser Insel nur eine Fledermausart und ein paar Pflanzen. Der Rest wurde aus aller Welt hierher geliefert, ganz als hätte sich irgendwer über die Jahre seine ganz eigene Insel kreiert. Die nächsten Tage werde ich meine Augen offen halten für die Wunder der Botanik.

22.1.2016

Der Nebel ist an diesem Morgen so dicht, dass man Figuren in ihn hineinschnitzen könnte. Wir sehen den Berg nicht mal mehr und irren so beinahe blind über die Wiesen. Portugiesische Bauern schützen ihre Ländereien nicht mit klassischen Zäunen, nein, das ist nicht hart genug. Hier werden die Felder in riesige Flächen aufgeteilt, welche dann an ihren äußeren Rändern ordentlich durchgewühlt werden. In diesen aufgewühlten Teil des Ackers wirf man dann ein paar Samen eines Dornengestrüpps. Nach kurzer Zeit sieht man sich einer Dornenwand gegenüber, die selbst Dornröschen die Laune verdorben hätte. Wir verlaufen uns mehrere Male in diesem vom Nebel ausgespuckten Labyrinth und beschließen am vierten Tag, die Felder zu verlassen und einfach die verdammte Straße zu nehmen. Ich habe noch von keinem Wanderer gehört, 

der von einem Windstoß über den Abhang geschleudert wurde. Zumindest nicht auf den Azoren. Wir wollen keineswegs die ersten sein, die so unrühmlich dahingehen. Also achten wir in dem dichten Nebel umso genauer auf die Abfolge unserer Schritte und vor allem auf unsere Balance, da der Wind, der gemeine Bube, durchaus gewillt war uns frech und ohne Ankündigung über den Jordan zu schicken. Ich fühle mich schon jetzt wie im Auge eines Wirbelsturms - auch wenn das vielleicht ein wenig übertrieben klingt.

Zu gern würde ich an dieser Stelle von der wunderschönen Natur der Azoren berichten, von den 180 verschiedenen Vogelarten, die hier zu finden sind, von den atemraubenden Ausblick auf das Meer, den drei bis vier Meter hohen Wellen, die wie eine Horde wilder Mustangs aus dem Wasser steigen und in einer Wolke aus Gischt an den Felsen zerschellen. Ja, zu gerne würde ich davon berichten - wenn ich diese tollen Dingen nur sehen könnte. Ich sehe Nebel. Kleine Schwaden. Große Schwaden. Dicke und Dünne. Zwischendurch die Wipfel mächtiger Bäume, die aufgrund ihrer schieren Masse aus dem grauen Film auftauchen, den Nebel wie ein Eisbrecher spalten und sich dann wieder lautlos zurückziehen. Seit nun mehr als vier Tagen scheint die Sonne nicht mehr. Kurz bevor die fünfte Nacht ihre Schlummerdecke über die Nebelberge wirft, folgen wir noch immer der Straße und befinden uns laut Höhenmeter auf knapp achthundert Meter Höhe. So sind es noch geschätzt fünf Kilometer bis zum Kratersee. Fünf Kilometer sind für einen geübten Wanderer in einer Stunde mit Leichtigkeit zu meistern. Wir haben die Leichtigkeit nur leider in dem Moment verloren, als unser Feuer heute morgen mal wieder nicht brennen wollte und wir uns mit rohen Zwiebeln, Bananen und Keksen über den Tag retten mussten.  Wir sind komplett durchnässt. Der Wind ist geschickt in dem, was er tut. Mit geübten Fingerspitzen tastet er uns ab, sucht gezielt nach unseren Schwachstellen und bläst genau dort den Regen hinein. Wir folgen der Bergstraße weiter, immer in der naiven Hoffnung, hinter der nächsten Biegung könnte sich die Sonne verstecken und uns mit einer Partytriller im Mund begrüßen. Dem ist nicht so. Auch nach der nächsten und der übernächsten Biegung wird es nicht besser. Zwar ist der Wald schön anzusehen und die grüne Wand eine gute Abwechslung zu dem bizarren Nebel, doch kann er nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eigentlich hier sind um bei gutem und schönem Wetter gute und schöne Wanderwege auszuprobieren. Das, was wir gerade tun, ist nur nervig. Und nass. In einer Kurve entdecke

ich am Hang eines Hügels mehrere zerfallene Häuser. Einladend wirken die dunklen Ruinen nicht, genau so wenig wie die überwucherten Mauern und das rostige Eisentor. Auf der anderen Seite pisst es immer noch wie aus Eimern. Fünf Kilometer bis zum Kratersee. Nur noch eine Stunde Tageslicht. Wir fassen den Entschluss, dass wir einen Entschluss fassen müssen. Hastig werfen wir die Rucksäcke über die Mauer, klettern rüber und finden uns in einer Art Schlachthof wieder. In den feuchten Räumen des großen Hauptgebäudes finden wir nur altes, schimmelndes Holz. Über den rötlich

gepflasterten Innenhof kommen wir zu einer kleineren Version des ersten Gebäudes. Es gibt keine Türen, bloß ein großes, quadratisches Loch, das in das Innere dieses Hilton führt. Im Inneren erwartet uns kein Himmelbett, dafür aber ein wunderbar vermodertes Sofa. Die Schimmelflecken sehen aus wie Rorschachtests, was mich aber kaum stört. Nur die Spinnen stören. Mit ihren ekeligen, kleinen Körpern und den zu langen Beinen sind sie nicht die besten Bettgenossen. Dani macht es sich auf einer Holzpalette gemütlich.
Wir versuchen in einem alten Grill ein Feuer zu entfachen, scheitern jedoch kläglich. Es herrscht eine so hohe Luftfeuchtigkeit, dass selbst das Klopapier aus dem Rucksack nicht recht brennen mag.
Ich schabe mit meinem Messer Holz von der Unterseite des alten Sofas. Versuche damit nochmal mein Glück.
Kein Glück.
Minisalamis und Snickers werden zu unserem Abendmahl.
Draußen heult der Wind. Morgen wird der Regen schon aufhören. Im Januar gibt es auf den Azoren durchschnittlich zehn Regentage. Wir sind am 20.1. angekommen. Wie hoch ist also die Wahrscheinlichkeit, das wir nun jeden der zehn statistischen Regentage abbekommen? Nein, morgen wird ganz sicher die Sonne scheinen und den Nebel zuerst in kleine Stücke hacken und dann über den Abhang hinunter ins Tal jagen. Dann werden wir entweder den Kratersee erreichen oder uns weiterhin über den Nebel ärgern. Sollte es jedoch dazu kommen, dass wir uns über den Nebel ärgern, dann werden wir den Kratersee einen Kratersee sein lassen uns diesen verdammten Vulkan wieder verlassen. Vielleicht laufen wir dann in Richtung Osten der Insel. Da soll es heiße Quellen zum Baden geben. Eine weitaus bessere Aussicht als die, welche sich unsere gerade bietet. Nur kurz schlafen. Und dann wird die Sonne schon scheinen...

Tagebucheintrag 23.01.2016

Wie die Totems vergangener Völker steigen die kahlen Gerippe der Bäume aus dem Wasser. Es ist kalt, die Haare liegen klamm auf der Stirn. Jeder Schritt im Wasser erzeugt in dieser Stille ein Geräusch, jeder Schritt sendet Wellen in die nicht greifbare Masse um uns herum. Jeder Schritt ist wie das Epizentrum eines Erdbebens. Vorsichtig schiebe ich die dürren Äste der Trauerweiden aus dem Weg. Die Bäume knarren. Ächzen. Die Stille gleitet von den Ästen in das knietiefe Wasser. Ich passiere eine riesige Sumpfzypresse. Der Stamm der Zypresse ist beinahe ganz von leuchtendem Moos überzogen, nur an einer Stelle sieht es aus, als hätte jemand den Baum gehäutet. Ich laufe barfuß. Meine Stiefel hängen seitlich am Rucksack. Dünne Äste brechen unter Wasser, Blasen steigen auf. Ich fühle jeden Stein, jedes Blatt, jeden Strauch unter meinen Fußsohlen. Es fühlt sich befreiend an. Der Wind singt, streift die Bäume, zieht kräuselnd über die Wasseroberfläche und verwandelt die Umgebung in etwas Surreales. Man kann den Nebel schmecken. Eine Mischung aus Zuckerwatte und feuchtem Moos. Es ist gespenstisch schön. Ein Wald, der unter Wasser steht. Ein fester Nebel und die Atmosphäre einer Tafelsaga. Tief berührt folge ich den Rufen der Weiden....

24.01.2016

Gepflegte Kieswege führen durch die Pflanzenwelt. Der Botanische Garten ist nicht nur für Neu- Baumfreunde wie mich ein wahres Erlebnis. Die Vielfalt der Gräser, Moose, Bäume und Sträucher ist beeindruckend. Bei einem Fieberbaum bleibe ich stehen. Im Wurzelbett des Riesen sammelt sich das Regenwasser in Pfützen. Aus diesen Pfützen kriechen mehrere kleinere Stämme wie die Leiber schuppiger Würgeschlangen und formen sich knapp einen Meter über dem Boden zu einem gewaltigen Stamm von mehreren Metern Umfang. Man kann in die Formen der Pflanzen viel hineininterpretieren, in den Rosensträuchern Gesichter sehen oder in den uralten Bäumen noch viel ältere Druiden oder Waldgeister. Wer Bäume mag, kommt hier auf seine Kosten. Und wer Fantasie hat, ebenfalls. Der Weg durch den Garten endet in Steinstufen. Wir gehen hoch und sehen uns einer imposanten Kolonialvilla gegenüber. Zwischen uns und dem wichtig wirkenden Gebäude liegt das größte der drei Thermalbecken. Oval geformt und erbaut aus rotem Stein erstreckt es sich über die Breite eines Basketballfeld und wäre das Wasser nicht so schlammbraun, wahrscheinlich würde sich die Villa im Becken spiegeln. Wir entledigen uns der Kleider und springen einfach mit den Boxershorts in das nasse Vergnügen. Es riecht verdächtig nach Furz, was am Schwefelgehalt im Wasser liegt. Das stört mich aber nicht die Bohne, im Gegenteil, nie zuvor war ich froher über Pupsgeruch. Träge schwimme ich zu einem der beiden Fontänen, die das Becken mit Wasser versorgen. Ich denke über die letzten Tage nach. Frage mich, warum das Wetter so scheiße sein muss. Frage mich, ob es wohl besser wird. Ich denke an den Schwebewald, über die Nacht im notdürftig geflickten Zelt, über den langen Marsch am nächsten Morgen. Unsere Laune ist seit ein paar Tagen am Boden. Eine Erklärung spare ich mir. Jetzt, in diesem Moment, verlassen mich die vielen angestauten und negativen Emotionen. Ich wasche meinen Kopf frei und merke, wie gut mir diese Art der „Beichte“ tut. Um uns stürmt es noch immer, die Berge liegen versteckt im Nebel und der Regen fällt nach wie vor. Ich aber sitze in dieser Naturquelle, ordne meine Gedanken und merke, wie die Freude an dieser Reise zurückkehrt. Abends im Zelt schweigen wir immer noch beide. Jetzt aber liegt etwas positives darin. Wir konnten beide heute die Akkus ein wenig aufladen, hatten Zeit um nachzudenken und konnten die letzten Tage verarbeiten. Noch immer regnet es, noch immer verschluckt der Nebel den Großteil der Geräusche. Mich juckt das aber nicht mehr. Ich habe mich damit abgefunden, dass dieser Ausflug ins Wasser fällt. Soll es nur weiter regnen. So kann ich wenigstens erzählen, ich hätte nur Regen gehabt. Das macht die Leute dann auch nicht so traurig und schafft eine gewisse Solidarität zu denen, die dem ekeligen Winter in Deutschland nicht entfliehen können. Auch das Prasseln des Regens stört mich nicht mehr. Ich schließe einfach die Augen und stelle mir vor, es wäre eine alte Schreibmaschine, die da so tippt und anschlägt. Dann schlafe ich ein. Voll Fantasie und froher Gedanken...

Tagebucheintrag 25.01.2016

Ich sitze an den schwarzen Felsen und starre aufs Meer. Am Horizont wandern träge die letzten Wolkenriesen und lassen irgendwo auf einer der anderen Inseln ihre Last ab. Hier aber scheint die Sonne, tanzt auf der Haut und nimmt alles ein mit ihrem Glanz. Die Gräser strecken ihre Häupter wie Ertrinkende, die Knospen der Blüten öffnen sich und man sieht überall das Rosa aus dem Boden sprießen. Ich sitze an dem schwarzen Felsen. Ein paar Meter unter mir drückt sich das Meer im Sechs- Sekunden-Takt gegen das Vulkangestein und bläst eine Fontäne zu mir in die Höhe. Wie ein fröhlicher Elefant, der sich über die Sonne freut. Die üppigen Wiesen blühen vor Fruchtbarkeit und selbst die größten Bäume wiegen sich dankbar im sanftem Meereswind. Die Natur scheint im völligen Einklang, ganz als hätte man den Nebel in einem gemeinsamen Aufatmen weggeblasen. Wobei ich mich frage, ob die Pflanzen jemals ein Problem mit diesem Nebel gehabt hatten? Oder ob das einfach Allüre von uns Menschen ist? Ich sitze an dem pechschwarzen Felsen, dem größten in der Brandung aus spitzem und scharfkantigem Vulkanstein. Beinahe violett leuchtet das Eiswasser, das mal in großen, mal in kleinen Wellen entlang der Küste bricht. Die schäumende Gischt. Das Brummen des Meeres, wenn es ein- und ausatmet. Hundert Gerüche lagern sich übereinander und ich versuche diese Schichten im Geiste zu sortieren. So frisch war der Geruch der See, so unverhofft belebend. Die lehmig leuchtenden Stämme der Bäume riechen nach Käfern und Moosen, die Moose nach Gewürzen und ein bisschen wie Zitrone. Selbst der Stein, auf dem ich sitze, riecht salzig - und ein bisschen nach Vogelkacke.

Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, in welch wechselbarem Gemüt sich das Wetter die letzten beiden Tage unserer Reise zeigen wird. Ein kleiner Sturm hier, ein großes Getöse da. Gefühlte 300 Milliliter Niederschlag, dazu eine Handvoll Hagelschauer und zuletzt eine recht aufdringliche, weil allgegenwärtige Nebelwand. In diese brisante Mischung kommen dann noch fünfzig Sonnenminuten verteilt auf achtundvierzig Stunden und zack - man hat eine Wetterbeschreibung vom Großteil unseres Wandertrips. Und trotz dieses gemäßigten Wetters war mir klar, dass ich nachher, wenn ich vom Fensterplatz auf die Insel blicke, denken werde: Du Schönheit mit deiner rauen Küste und deinem weichen Kern. Du Gaunerin. Du Spielplatz eines verrückten Pflanzenforschers. Ich werde denken, dass es schade ist, an neun von zehn Tagen nicht mehr als Nebel gesehen zu haben. Und dann werde ich mir selbst das Versprechen geben, dass ich wiederkomme. Vielleicht im Sommer. Da soll hier sogar die Sonne scheinen, so munkelt man in den Spelunken. Ich kann jedem nur eine Reise auf die Azoren empfehlen. Ein Eiland, irgendwo zwischen Kauai und Wales. Die Immerfrühlingsinsel mit dem Manchmal-Herbst.

Zehn Tage Wanderurlaub auf den Azoren für 250 Euro? Machbar!

(Allerdings nur für Hartgesottene.)

Ich liste die Kosten für zwei Personen auf, da man ja selten alleine wandern geht.
Wenn man doch alleine fliegt, muss man einfach durch zwei teilen.

Der Flug:

Da die Azoren zu Portugal gehören, sollte man auch von einem Portugiesischen Flughafen fliegen. Wir sind mit dem Fernbus nach Brüssel gefahren, von dort aus nach Portugal geflogen und dann nach São Miguel, der Haupinsel Insel der Azoren.

Osnabrück—-> Brüssel 46 Euro (Flixbus)
Brüssel Nord—->Brüssel Airport 17 Euro (Zug)
Brüssel Airport—->Lissabon Airport——>Ponta Delgado (São Miguel) ——>Lissabon
Airport ——>Brüssel Airport 284 Euro (Flugzeug) Brüssel Airport ——>Brüssel Nord 17 Euro (Zug) Brüssel Nord ——>
Osnabrück 46 Euro (Fernbus)

Die Preise sind natürlich individuell und es kommt darauf an, wann man starten will und von wo. Ein bisschen Mühe muss man sich bei der Suche geben. Ich empfehle kayak.de. Am Ende bin ich mit Ryanair geflogen.

Wichtig:

Gerade bei Billigflügen muss man schauen, ob das Gepäck auch mit im Preis ist. Hätte ich den Flug direkt über Ryanair gebucht, hätte ich viel mehr für mein Gepäck zahlen müssen, da meist nur das Handgepäck im Preis inbegriffen ist. Ich habe die Flüge schließlich über einen externen Anbieter gebucht (Edreams). Da musste ich nur einen Bruchteil von dem zahlen, was Ryanair für Extragepäck (15 Kilo) verlangt.

Um Kosten zu sparen, haben wir die beiden Nächte in Lissabon jeweils am Flughafen verbracht. Ist nicht gemütlich. aber spart ne Menge Geld. Matten sollte man ja eh dabei haben, wenn man wandern geht. Nur das Zelt sollte man nicht unbedingt am Flughafen aufbauen :) 

Verpflegung sollte man schon in Deutschland einkaufen bzw. vor Ort mit frischem Obst und Gemüse aufstocken.
Wir haben für 70 Euro eingekauft und haben vor Ort in Ponta Delgado unsere Vorräte für 20 Euro
mit frischem Obst und Gemüse aufgestockt.

Wildcampen ist vor Ort kein großes Problem. Man sollte sich nur ein wenig
Mühe geben und das Zelt ein bissche n versteckt aufschlagen.

Es ist möglich, für 180 Euro ein Flugticket zu erstehen, mit dem man noch
zwei weitere der Inseln bereisen kann. Die Boote zwischen den Inseln fahren nur im Sommer.